Zuvor hatte Prigoschin einen Abzug seiner Söldnereinheiten am kommenden Mittwoch angekündigt. Diese müssten "ihre Wunden lecken". Als Ursache hatte der 61-Jährige hohe Verluste wegen mangelnder Artillerieunterstützung durch die russischen Streitkräfte angeführt und dabei die Armeeführung direkt angegriffen. Russland setzt im Angriffskrieg gegen die Ukraine auch Einheiten aus Tschetschenien ein. Sie gehören formal zu Polizei und Nationalgarde, folgen aber faktisch vor allem Kadyrows Kommando.
Wagner hat den Kampf um die Kontrolle über Bachmut angeführt, die längste – und wahrscheinlich blutigste – Schlacht des Krieges. Es wird angenommen, dass mehr als acht Monate der Kämpfe dort Tausende von Menschenleben gekostet haben. Ein Rückzug der Wagner-Gruppe wäre ein schwerer Schlag für den Russlandfeldzug. Für die ukrainische Seite ist Bachmut zu einem wichtigen Symbol des Widerstands gegen die russische Invasion geworden. Präsident Wolodymyr Selenskyj sagt, dass sein Verlust internationale Unterstützung für ein Abkommen aufbauen könnte, das die Ukraine dazu zwingen könnte, inakzeptable Kompromisse einzugehen.
Prigoschins Streit mit der russischen Militärführung geht auf Wagners Gründung vor weniger als 10 Jahren zurück. Während des Krieges in der Ukraine hat er Russlands höchste Militärs gezüchtigt und ihnen öffentlich Inkompetenz vorgeworfen – ein Verhalten, das in Russlands streng kontrolliertem politischem System höchst ungewöhnlich ist.
Bachmut, etwa 55 Kilometer nördlich der von Russland gehaltenen Regionalhauptstadt Donezk gelegen, hat einen taktischen militärischen Wert für Moskau, obwohl Analysten sagen, dass es für den Ausgang des Krieges nicht entscheidend sein wird. Die Stadt hatte vor dem Krieg 80.000 Einwohner und war ein wichtiges Industriezentrum. Es ist jetzt eine verwüstete Geisterstadt. Prigoschins Erklärung besagt, dass Wagner gezwungen sein wird, sich am 10. Mai aus Bachmut zurückzuziehen und Russlands reguläre Armee übernehmen zu lassen. Er sagte, seine Truppe habe seit Montag nicht genügend Artillerie-Munition vom russischen Militär erhalten und beschuldigte "eifersüchtige Militärbürokraten".
Russische Angreifer und ukrainische Verteidiger haben sich am Freitag erneut schwere Kämpfe im Osten der Ukraine geliefert. "Die schwersten Gefechte toben um Bachmut und Marjinka", meldete der ukrainische Generalstab in seinem täglichen Lagebericht. Allein an diesen beiden Frontabschnitten seien am Freitag knapp 30 russische Angriffe abgeschlagen worden. Auch bei Limansk lieferten sich beide Seiten schwere Kämpfe.
Nach Darstellung der ukrainischen Militärführung sind die russischen Truppen bemüht, Bachmut bis spätestens 9. Mai vollständig zu erobern. Für Moskau wäre dies ein Prestigeerfolg zum Tag des Sieges über Nazi-Deutschland. Da die Kapitulation, die eigentlich am 8. Mai 1945 in Kraft trat, damals auf Wunsch Stalins in der Nacht zum 9. Mai im sowjetischen Hauptquartier ein zweites Mal unterzeichnet wurde, gilt dieser Tag in Russland als Feiertag.
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