"Und die Flanken weisen bereits jetzt Risse auf und bröckeln." Nach Prigoschins Einschätzung hat Bachmut "keinen strategischen Wert". Der Kampf um Bachmut sei von russischer Seite nur aufgenommen worden, um nach dem Rückzug russischer Truppen aus anderen Teilen der Ukraine das Potenzial der ukrainischen Streitkräfte zu zermürben. Im Gespräch mit russischen Medien bekräftigte Prigozhin, dass Wagner geplant habe, das Gebiet zu verlassen, weil seine Einheiten nicht über ausreichend Munition verfügten – eine Entscheidung, die verschoben wurde, als versprochen wurde, dass die Lieferungen bis zum 9. Mai erfolgen würden.
Wagner-Einheiten haben einen monatelangen russischen Angriff auf die östliche Stadt angeführt, aber die ukrainischen Streitkräfte sagen, dass die Offensive ins Stocken gerät. Moskau äußerte sich nicht zu Berichten, wonach seine 72. Separate Motorgewehrbrigade Stellungen am südwestlichen Stadtrand von Bachmut aufgegeben habe. Eine russische Brigade besteht typischerweise aus mehreren tausend Soldaten. Bachmut ist das Hauptziel der großen Winteroffensive Moskaus und Schauplatz der blutigsten Bodenkämpfe in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.
Ukrainische Verteidiger und russische Angreifer haben sich am Dienstag erneut schwere Kämpfe im Osten der Ukraine geliefert. Im Mittelpunkt des Geschehens stand einmal mehr die seit Monaten schwer umkämpften Stadt Bachmut, wie der ukrainische Generalstab in seinem abendlichen Lagebericht mitteilte. Neben Bachmut stießen russische Truppen auch bei Liman, Awdijiwka und Marjinka vor. Insgesamt seien dort in den vergangenen Stunden rund 30 Angriffe abgeschlagen worden. Die ukrainische Luftwaffe habe im Tagesverlauf in die Kämpfe eingegriffen und russische Truppenansammlungen und Flugabwehrsysteme beschossen. Ortsangaben wurden nicht gemacht.
Die Dauer und der Verlauf des Krieges setzen Moskau nach Einschätzung der Nato immer mehr zu. "Russland ist im 15. Monat eines Krieges, von dem es dachte, er würde drei Tage dauern", sagte der Vorsitzende des Militärausschusses, Admiral Rob Bauer, am Mittwoch in Brüssel. Er fügte hinzu: "Goliath wankt. Und das liegt daran, dass David unterstützt von 50 Nationen aus der ganzen Welt enorme Widerstandsfähigkeit und taktische Brillanz bewiesen hat." Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg erwartet, dass das Bündnis die neuen Pläne zu Verteidigungsstrategie und zum Ausbau der Rüstungsproduktion beim Gipfeltreffen im Juli auf den Weg bringt. "Wir bewegen uns in die richtige Richtung, aber nicht so schnell, wie es die gefährliche Welt, in der wir leben, erfordert", mahnte Stoltenberg.
Parallel zur Evakuierung der Zivilbevölkerung in der von ihnen kontrollierten Region Saporischschja im Süden der Ukraine haben die russischen Besatzer nach Angaben aus Kiew auch mit der Plünderung und Demontage in den dortigen Industriezonen begonnen. Daneben seien etwa in Enerhodar alle medizinischen Einrichtungen der Stadt vollständig geplündert worden, teilte der ukrainische Generalstab am Mittwochabend in seinem Lagebericht mit. Die gesamte medizinische Ausrüstung sei nach Simferopol auf die ebenfalls besetzte Halbinsel Krim gebracht worden.
In Erwartung einer ukrainischen Offensive zur Rückeroberung besetzter Gebiete in diesem Landesteil haben die russischen Besatzungsbehörden vor einiger Zeit begonnen, die Zivilbevölkerung aus der Umgebung des Kernkraftwerks Saporischschja in Richtung Süden zu evakuieren.
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