Die ukrainischen Streitkräfte hätten mehr als 250 Soldaten verloren. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig prüfen. Aus Kiew gab es dazu zunächst keine Stellungnahme. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte zuletzt wiederholt betont, sein Land sei für die seit langem angekündigte Gegenoffensive zur Befreiung seiner Gebiete von der russischen Besatzung bereit. Russland hatte das Nachbarland am 24. Februar 2022 überfallen und hält aktuell rund 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets besetzt, darunter auch das Gebiet Donezk.
In seiner abendlichen Ansprache hatte der ukrainische Präsident gestern nichts vom Beginn einer Offensive erwähnt. Selenskyj hatte mitgeteilt, seit Beginn des russischen Angriffskriegs seien mindestens 485 Kinder getötet worden. Dabei handle es sich ausschließlich um Opfer, deren Daten offiziell erfasst worden seien. In Wirklichkeit liege die Zahl deutlich höher. Selenskyj verwies zudem auf die mehr als 19.500 ukrainischen Kinder, die aus besetzten Gebieten nach Russland deportiert worden seien. Bislang sei es erst in rund 370 Fällen gelungen, die "kleinen Ukrainer" zurückzuholen, sagte der Staatschef. Mit Blick auf Berichte über Deportationen ukrainischer Kinder hatte Mitte März dieses Jahres der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen Russlands Präsident Wladimir Putin und die russische Beauftragte für Kinderrechte, Maria Lwowa-Belowa, erlassen. Der juristische Vorwurf lautet auf Kriegsverbrechen.
Selenskyj sagte auch, Russland nutze ein Lieferantennetzwerk, um internationale Sanktionen zu umgehen, die das Land an der Herstellung von Raketen und anderen Waffen hindern sollen. In einer Videoansprache am Sonntagabend sagte Selenskyj, ungenannte Länder und Unternehmen würden Russland beim Erwerb von Technologie helfen, wobei der Schwerpunkt auf der Produktion von Raketen liege. Russland hat seit Oktober letzten Jahres Hunderte Raketen gegen ukrainische Ziele abgefeuert.
"Leider gelingt es dem Terrorstaat, die Technologien der Welt über ein Netzwerk von Zulieferern zu nutzen und internationale Sanktionen zu umgehen." Selenskyj sagte, die Ukraine sei sich aller Bemühungen Russlands, den Sanktionen zu entgehen, durchaus bewusst und werde sich dafür einsetzen, dass "in russischen Raketen keine Produkte der freien Welt enthalten sind".Im April sagte ein hochrangiger Berater Selenskyjs, dass die ukrainischen Streitkräfte in russischen Waffen, die in der Ukraine eingesetzt werden, immer mehr Komponenten aus China finden, da westliche Lieferungen durch Sanktionen eingeschränkt seien. China hat die Lieferung militärischer Ausrüstung an Russland bestritten.
In der russischen Grenzregion Belgorod sind unterdessen offenbar erneut Kämpfe zwischen der Armee und an der Seite der Ukrainer kämpfenden Freiwilligenverbänden aufgeflammt. Gouverneur Wjatscheslaw Gladkow bestätigte Gefechte in der Ortschaft Nowaja Tawolschanka. Russlands Verteidigungsministerium teilte mit, es sei gelungen, eine "Sabotage- und Aufklärungsgruppe ukrainischer Terroristen" am Überqueren eines nahe gelegenen Flusses zu hindern. Im Gebiet Belgorod kommt es seit einiger Zeit immer wieder zu Kämpfen und Angriffen, für die Moskau stets Kiew verantwortlich macht.
Tatsächlich aber scheint es sich bei den Eindringlingen auch dieses Mal wieder um Mitglieder des sogenannten "Russischen Freiwilligenkorps" zu handeln, das zwar aufseiten der Ukrainer kämpft, aber aus russischen Nationalisten besteht. Mehrere Mitglieder der paramilitärischen Organisation veröffentlichten gestern auch ein Video, in dem sie behaupteten, mehrere Soldaten der russischen Armee gefangen genommen zu haben und sie der ukrainischen Seite übergeben zu wollen.
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