
Präsident Wolodymyr Selenskyj reiste in die Nähe der neuen Front und führte Beratungen mit den Militärs. In der Nacht wurde für die östlichen Gebiete der Ukraine Luftalarm ausgelöst. Mehrere Schwärme russischer Kampfdrohnen waren im Anflug, und in der Millionenstadt Charkiw waren Explosionen zu hören.
Der russische Angriff nahe Charkiw begann in der vergangenen Woche. Relativ schnell besetzten die russischen Kräfte mehrere Dörfer an der Grenze, begünstigt durch das Verbot der Ukraine, ihre westlichen Waffen gegen den Truppenaufmarsch jenseits der Grenze einzusetzen. Zudem waren die vorderen Verteidigungsstellungen nicht so stark ausgebaut, wie es eigentlich angeordnet war. Trotz hoher eigener Verluste setzt die russische Armee ihre Offensive fort.
Selenskyj berichtete nach seinem Frontbesuch, dass es gelungen sei, die Lage bei Wowtschansk, etwa 40 Kilometer nordöstlich von Charkiw, zu stabilisieren. "Unsere Gegenangriffe dauern an, ebenso wie in anderen Gebieten entlang der Grenze zu Charkiw", sagte er. Besonders heftige Angriffe verzeichnete das ukrainische Militär weiter südlich bei Pokrowsk.
Der NATO-Oberbefehlshaber in Europa, Christopher Cavoli, sieht keinen strategischen Durchbruch der russischen Armee bei Charkiw. Er betonte, dass die Russen zwar lokale Vorstöße machten, aber auch lokale Verluste erlitten hätten. Die ukrainischen Kräfte seien in der Lage, die Linie zu halten.
Präsident Selenskyj kritisierte die "leeren Worte" von Präsident Wladimir Putin zu Frieden bei dessen China-Besuch. Moskau und Peking hatten dort eine politische Einigung als Ausweg aus dem Krieg genannt, ohne dies näher zu erläutern. Selenskyj betonte die Notwendigkeit, Russland zu einem echten, gerechten Frieden zu zwingen.
In einem Telefonat mit dem polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk warnte Selenskyj vor der Gefahr durch russische Luftangriffe auf die Gasinfrastruktur der Ukraine. Er rief zu gemeinsamen Gegenmaßnahmen auf. Die russische Luftwaffe hatte Ende März oberirdische Anlagen eines großen unterirdischen Gasspeichers in der Westukraine beschossen. Trotz des Krieges leitet die Ukraine weiterhin russisches Gas in die EU.
Wegen der schweren Schäden an Kraftwerken und Umspannwerken rechnet die ukrainische Regierung mit monatelangen Stromabschaltungen. Die Produktionskapazität sank um 44 Prozent. Besonders betroffen sind die Stromproduktion aus Kohlekraftwerken und beschädigte Wasserkraftwerke am Dnipro. Die Stromproduktion aus Kernkraftwerken funktioniert weitgehend, aber Energieimporte aus Nachbarländern reichen oft nicht aus, um die Lücke zu schließen.
Die Situation im russisch besetzten Atomkraftwerk Saporischschja bleibt angespannt. Der Leiter der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Rafael Grossi, berichtete, dass die potenziellen Gefahren für die Anlage anhalten und sich die Situation jederzeit verändern könne. Die Experten der IAEA hören regelmäßig Artilleriefeuer in der Umgebung, konnten jedoch keine schweren Waffen auf dem Werksgelände ausmachen.
Zusammenfassung
Die Ukraine steht weiterhin vor großen Herausforderungen, die russische Offensive an ihrer Ostgrenze abzuwehren. Trotz intensiver Angriffe und schwerer Kämpfe gelingt es den ukrainischen Verteidigern, die Linie zu halten. Präsident Selenskyj bleibt optimistisch und betont die Notwendigkeit, Russland zu einem gerechten Frieden zu zwingen. Die internationale Gemeinschaft, insbesondere die NATO, unterstützt die Ukraine in ihrem Abwehrkampf und sieht keinen strategischen Durchbruch der russischen Kräfte.