Mehrere Militärexperten vermuten, dass der Schwerpunkt der lang erwarteten Gegenoffensive der Ukraine Saporischschja sein werde. Sie behaupten, Kiew versuche, den Zugang zum Asowschen Meer zurückzugewinnen, indem es die russischen Besatzer in der Region in zwei getrennte Gruppierungen spalte. Das würde nicht nur ihre Kampffähigkeiten schwächen, sondern auch die Landbrücke zur Krim zerstören – der 2014 von Russland illegal annektierten südlichen Halbinsel der Ukraine.
Am Donnerstag zuvor hatte das in den USA ansässige Institute for the Study of War (ISW) erklärt, die Gegenoffensive der Ukraine habe begonnen – obwohl Kiew in dieser Frage weiterhin Stillschweigen bewahrt. Unterdessen erklärte das britische Verteidigungsministerium, dass "inmitten eines hochkomplexen Einsatzgeschehens die schweren Kämpfe an mehreren Frontabschnitten weitergehen" und fügte hinzu, dass "in den meisten Bereichen die Ukraine die Initiative innehat".
Russland eroberte den größten Teil der Region Saporischschja – darunter Europas größtes Atomkraftwerk – kurz nachdem Präsident Wladimir Putin im Februar 2022 eine umfassende Invasion angeordnet hatte. Die regionale Hauptstadt Saporischschja wird von der Ukraine kontrolliert. Mehrere kremlfreundliche russische Militärblogger berichteten am späten Donnerstag, dass die Ukraine ihre Angriffe über Nacht wieder aufgenommen habe. Sie berichten, dass auch gepanzerte Personentransporter und Drohnen zur Lenkung des Artilleriefeuers im Einsatz seien.
Wladimir Rogow, ein von Russland eingesetzter örtlicher Beamter, sagte, es habe in der Gegend zwischen Orichiw und Tokmak "aktive Kämpfe" gegeben, bei denen russische Truppen ihre Stellungen gehalten hätten. Die Stadt Tokmak wird von vielen Militärexperten als Hauptziel der Ukraine auf ihrem Weg zum Asowschen Meer angesehen. Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu sagte, der zuvor gemeldete ukrainische Angriff sei abgewehrt worden und habe dem Feind Schaden zugefügt. Der Minister legte keine Beweise für seine Behauptung vor. Unterdessen sagte die stellvertretende Verteidigungsministerin der Ukraine, Hanna Maliar, am Donnerstag in einer kurzen Erklärung, dass sich die russischen Streitkräfte derzeit in Richtung Saporischschja "in aktiver Verteidigung" befänden.
In seinem jüngsten Bulletin vom Donnerstagabend erklärte das ukrainische Militär lediglich, dass der "Feind weiterhin in der Defensive" gegenüber Saporischschja und dem benachbarten Cherson sei, einer Region, die nach dem Einsturz eines großen Staudamms Anfang dieser Woche von massiven Überschwemmungen heimgesucht wurde. Das ukrainische Militär fügte hinzu, dass russische Truppen dort tagsüber Luftangriffe geflogen und Artillerie eingesetzt hätten.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Russland unterdessen vorgeworfen, die nach der Zerstörung des Staudamms entstandene humanitäre Katastrophe noch zu vergrößern. "Russische Terroristen versuchen, die Situation, die sie mit ihrem Ökozid verursacht haben, noch zu verschlimmern", sagte Selenskyj am Donnerstag in seiner täglichen Videoansprache. Russische Truppen beschössen Rettungskräfte und Evakuierungspunkte, sagte Selenskyj. Entsprechende Videos waren am Donnerstag in den Medien aufgetaucht.
Der ukrainische Staatschef warf Moskau zudem vor, die im von Russland besetzten Teil des überfluteten südukrainischen Gebiets Cherson lebenden Menschen im Stich zu lassen. "Dort weitet sich die Katastrophe bereits am zweiten Tag weiter aus", sagte Selenskyj. Russlands Präsident Wladimir Putin hat im Gegensatz zu Selenskyj die Hochwassergebiete noch nicht besucht und erst zwei Tage nach dem Dammbruch öffentlich Anweisungen gegeben, Hilfe in die Region zu schicken. Allerdings inspizierte am Donnerstag mit dem früheren Regierungschef Sergej Kirijenko bereits ein hochrangiger Kremlbeamter das Krisengebiet.
Selenskyj ging auch auf das Trinkwasserproblem durch die Leerung des Stausees und die Verschmutzung des Grundwassers ein. Es könne Unbequemlichkeiten geben, aber die Versorgung mit Trinkwasser werde gesichert, versprach der 45-Jährige. "Die Entscheidungen dafür sind da, die Ressourcen sind da, das Geld ist da", sagte er.
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