Der Vorfall ereignete sich wenige Kilometer südwestlich von Simferopol nahe der Ortschaft Tschistenke. Der Bahnverkehr auf der Strecke wurde stillgelegt. Ein geplanter Fernverkehrszug von der Hafenstadt Sewastopol nach St. Petersburg soll erst in Simferopol starten. Die Passagiere sollten mit Schienenersatzverkehr zur Inselhauptstadt gebracht werden. Der mutmaßliche Anschlag auf eine wichtige Bahnstrecke auf der annektierten ukrainischen Halbinsel Krim hat nach Einschätzung britischer Geheimdienste auch Folgen für die russische Schwarzmeerflotte. Es handele sich um die einzige Zugverbindung in den Hafen von Sewastopol, wo die Flotte stationiert sei, teilte das Verteidigungsministerium in London am Freitag mit. "Russland wird versuchen, die Strecke schnell zu reparieren, aber der Vorfall wird die Lieferungen von Vorräten und möglicherweise auch von Waffen, wie zum Beispiel Kalibr-Marschflugkörpern, an die Flotte unterbrechen."
Der Vorfall werde zudem die russischen Sorgen um den Schutz wichtiger Infrastruktur auf der Krim verstärken. "Die Halbinsel spielt weiter eine wichtige psychologische und logistische Rolle bei der Ermöglichung des russischen Krieges in der Ukraine", hieß es in London. Die Krim gilt als wichtige Versorgungsroute für die russischen Besatzungstruppen in den südukrainischen Gebieten Cherson und Saporischschja. Der Nachschub mit Proviant, Waffen und Munition erfolgt meist per Eisenbahn. Anschläge auf die Bahn könnten daher vor allem der Vorbereitung der ukrainischen Gegenoffensive in eben jenen Regionen dienen. Der Beginn dieser Offensive wird seit Wochen erwartet.
Letzte Woche sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, die Offensive habe sich verzögert, weil sein Land nicht über genügend westliche Waffen verfüge, um erfolgreich zu sein, ohne zu viele Verluste zu erleiden. Auch Wetter und Training spielen eine Rolle, sagen Beamte und Verteidigungsexperten. Unterdessen hat die Ukraine mit der Gestaltung von Operationen begonnen, beispielsweise mit der gezielten Beschuß der vordersten Linien Russlands mit Artilleriefeuer aus großer Entfernung. Das könnte darauf hindeuten, dass die Ukraine im Begriff ist, in diesem Bereich voranzuschreiten – oder es könnte ein Lockvogel sein, um die Aufmerksamkeit Russlands von seinem eigentlich geplanten Erstschlag abzulenken.
Die unerbittlichen gezielten Bombardierungen russischer Militärziele, die Hinweise auf kleine ukrainische Landungen entlang des besetzten Ostufers des Flusses Dnipro und die Explosionen, die Treibstoffdepots und Infrastruktur innerhalb Russlands eigener Grenzen und in besetzten Städten verwüsteten – all dies könnte als Indikatoren angesehen werden. Es ist möglich, dass die Öffentlichkeit es erst dann erfahren wird, dass die Gegenoffensive begonnen hat, wenn die ersten greifbaren Ergebnisse bekannt werden. Vieles von dem, was passiert, spielt sich nicht in der Öffentlichkeit ab.
dp/fa
