Der Kreml hatte zuvor von einem versuchten Drohnen-Anschlag auf Putin berichtet, die Ukraine dafür verantwortlich gemacht und mit Vergeltungsmaßnahmen gedroht. Das Nachbarland, das sich seit mittlerweile mehr als 14 Monaten gegen einen russischen Angriffskrieg verteidigt, wies eine Beteiligung hingegen zurück. Putin hielt sich den Angaben aus Moskau zufolge in der Nacht gar nicht im Kreml auf und blieb unverletzt. Russlands Führung verbreite gezielt Falschinformationen, weil sie den vor etwas mehr als 14 Monaten begonnenen Krieg bereits verloren habe. Der Kreml versuche so, seine Soldaten für den Kampf gegen das Nachbarland zu motivieren.
Der frühere russische Präsident Dmitri Medwedew forderte als Reaktion auf den angeblichen ukrainischen Drohnenangriff die Tötung des ukrainischen Staatschefs. "Nach dem heutigen Terrorakt gibt es keine andere Variante als die physische Eliminierung Selenskyjs und seiner Clique", schrieb Medwedew gestern auf Telegram. In seinen Augen werde Selenskyj "zur Unterzeichnung der Kapitulation der Ukraine nicht gebraucht", schrieb Medwedew. "Wie bekannt ist, hat auch Hitler keine (Kapitulation) unterschrieben." Es werde sich sicherlich in der Ukraine ein Stellvertreter wie Hitlers kurzzeitiger Nachfolger, Admiral Karl Dönitz, finden.
"In erster Linie hat der Vorfall die Schwäche der russischen Luftverteidigung demonstriert", kommentierte der russische Politologe Abbas Galljamow das Geschehen. Deshalb glaube er nicht an eine so genannte "False-Flag"-Aktion, die der Kreml selbst inszeniert habe. Wenn überhaupt, dann könne es sich seiner Einschätzung nach höchstens um eine Inszenierung durch russische Hardliner handeln, die Putin so überzeugen wollten, der Ukraine nun auch offiziell den Krieg zu erklären.
Unterdessen tauchten in Russlands sozialen Netzwerken weitere Videos auf, die den nächtlichen Zwischenfall auf dem Kreml-Gelände zeigen sollen. So ist in einem Clip etwa zu erkennen, wie ein verhältnismäßig kleines Objekt auf die Kuppel des Senatspalasts zufliegt - und dann offenbar abgeschossen wird. Kurz ist ein Feuerball zu sehen, dann Funken, die zur Seite fliegen. Für Verwunderung sorgten dabei bei Beobachtern zwei Gestalten, die während des Drohnen-Anflugs auf einer Seite die Kuppel hinauf zu klettern scheinen. Was es mit ihnen auf sich hat, war zunächst unklar.
Der Osteuropa-Experte und Historiker Serhii Plokhy sieht die Ukraine unabhängig vom Ausgang der geplanten Großoffensive schon jetzt als Siegerin in dem russischen Angriffskrieg. "Aus historischer Sicht hat die Ukraine schon gewonnen, weil sie den Überfall überlebt hat und um ihre Existenz kämpft", sagte der Direktor des Ukrainischen Forschungsinstituts an der Harvard Universität (HURI). Der Historiker stellt in Berlin sein Buch "Der Angriff. Russlands Krieg gegen die Ukraine und seine Folgen für die Welt" vor, das an diesem Donnerstag erscheint. Zu Beginn des Kriegs am 24. Februar 2022, als Kremlchef Wladimir Putin von einer Eroberung des Landes binnen weniger Tage ausging, sei nicht klar gewesen, ob das Land überlebt, meinte Plokhy. Präsident Wolodymyr Selenskyj habe sich aber dem Kampf um die Demokratie und die Unabhängigkeit gestellt.
Auch wenn die bevorstehende Gegenoffensive womöglich nicht das erwartete Ergebnis bei Rückeroberungen von Gebieten für das Land bringe, "wird das die Moral der Ukraine nicht brechen". Der Experte hält es für möglich, dass die in die EU und in die Nato strebende Ukraine am Ende - wie Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg - ein geteiltes Land sein könnte. "Es gibt keine Chance, dass die Ukraine jemals den Verlust von Gebieten anerkennt. Kein Land hat das jemals getan", meinte der Forscher. "Der Krieg kann enden, ohne dass die Ukraine die volle Kontrolle über ihr Gebiet hat."
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