Bereits in der vergangenen Woche hatten russische Blogger über die Entlassung Misinzews berichtet und Machtkämpfe innerhalb des russischen Militärs als einen Grund genannt. Offiziell bestätigt war das damals allerdings noch nicht. Offen zu Tage treten etwa schon seit Monaten Streitereien zwischen der Armee und dem Chef der berüchtigten russischen Söldnertruppe Wagner, Jewgeni Prigoschin. Prigoschin wirft der Führung in Moskau vor allem Probleme bei der Versorgung seiner Kämpfer mit Munition vor - und drohte kürzlich sogar damit, sie deshalb aus der schwer umkämpften ukrainischen Stadt Bachmut abzuziehen.
Der Drohnenangriff auf die von Russland annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim am Samstag hat nach Darstellung des ukrainischen Militärs der Vorbereitung auf die geplante Gegenoffensive gedient. "Die Unterwanderung der feindlichen Logistik ist eines der Vorbereitungselemente für die mächtigen Aktivhandlungen unserer Verteidigungskräfte, über die wir schon seit langem sprechen", sagte die Pressesprecherin des Südkommandos der ukrainischen Armee, Natalija Humenjuk, im Fernsehen. "Und diese Arbeit bereitet die groß angelegte Offensive vor, auf die alle warten."
Infolge des Drohnenangriffs war in der Krim-Hafenstadt Sewastopol am frühen Samstagmorgen ein großes russisches Treibstofflager in Brand geraten. Tote und Verletzte gab es russischen Angaben zufolge nicht. Auch zivile Objekte seien nicht zu Schaden gekommen. Nach Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes hingegen wurden zehn Öltanks zerstört. Konkret hat Kiew die Verantwortung für den Angriff nicht übernommen. Es hieß allerdings aus dem ukrainischen Militärgeheimdienst, solche Explosionen würden weitergehen. Ein Behördensprecher nannte die Detonation "Gottes Strafe speziell für die getöteten Bürger in Uman, unter denen fünf Kinder sind".
Russland führt seit mehr als einem Jahr offen Krieg gegen das Nachbarland und hält derzeit - inklusive der bereits 2014 annektierten Krim - rund 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets besetzt. International wird seit Wochen mit Spannung eine angekündigte ukrainische Großoffensive erwartet. Auch mithilfe westlicher Waffen will das angegriffene Land sich die besetzten Gebiete zurückholen.
Hinter den jüngsten russischen Raketenangriffen gegen die Ukraine steckt nach Einschätzung britischer Geheimdienste eine neue Strategie. Es sei unwahrscheinlich, dass Russland mit der Angriffswelle am Freitagmorgen, bei der mindestens 25 Menschen getötet worden seien, wie zuvor Infrastruktur zerstören wollte, teilte das Verteidigungsministerium in London am Samstag mit. Es bestehe die realistische Möglichkeit, dass Russland versucht habe, ukrainische Reserveeinheiten sowie Militärgüter anzugreifen, die kürzlich an die Ukraine geliefert wurden. Dabei betreibe Russland einen "ineffizienten Zielprozess" und nehme zivile Opfer zugunsten einer angenommenen militärischen Notwendigkeit in Kauf.
Bei der Attacke vom 28. April habe es sich um den größten Einsatz von Marschflugkörpern seit Anfang März gehandelt, hieß. "Die Angriffe deuten auf eine Abkehr von Russlands Nutzung von Langstreckenschlägen hin." Es seien weniger Raketen eingesetzt worden als im Winter, als Russland vor allem auf ukrainische Infrastruktur zielte.
Nach Angaben eines örtlichen Gouverneurs sind zwei Zivilisten in einem Dorf in der russischen Region Brjansk (nahe der ukrainischen Grenze) nach ukrainischem Beschuss ums Leben gekommen. Alexander Bogomaz, der Gouverneur von Brjansk, sagte am frühen Sonntag in einer Nachricht auf seinem Telegram-Kanal, dass ein Luftangriff "leider zwei Zivilisten getötet" habe. Ein Wohnhaus sei vollständig zerstört und zwei weitere Häuser seien teilweise beschädigt worden, sagte er. "Einsatzteams arbeiten weiterhin vor Ort", fügte Bogomaz hinzu.
Die Nachricht kommt inmitten von Warnungen aus der Ukraine, dass ihre Vorbereitungen für eine Gegenoffensive im Frühjahr fast abgeschlossen sind, von der viele Experten glauben, dass sie einen entscheidenden Moment im Konflikt markieren könnte. Bogomaz machte die ukrainischen Streitkräfte für die Angriffe in Brjansk verantwortlich, von denen er sagte, sie hätten Wohngebäude im Dorf Suzemka im Bezirk Syzemsky getroffen.
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