Mykhailo Samus, stellvertretender Direktor des Zentrums für Armee-, Konversions- und Abrüstungsstudien in Kiew, sagte: "All dies wurde getan, um eine Offensive vorzubereiten. Ich bin sicher, dass die Intensität der Angriffe zunehmen wird." Analysten sagen, dass "dies Standardmaßnahmen sind, um die Fähigkeiten der russischen Streitkräfte einzuschränken". Vorrangige Ziele der meist mit Drohnen durchgeführten Angriffe scheinen Ölanlagen zu sein, die für die Versorgung der Truppen unerlässlich sind.
Insbesondere im Süden Russlands sowie auf der Krim häufen sich seit Tagen Anschläge auf Infrastruktur-Objekte, die für den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine von Bedeutung sein könnten. Die Liste der Vorfälle wurde fast täglich erweitert. Am Donnerstag wurde eine Drohne in der Nähe eines Luftwaffenstützpunkts in Sewastopol auf der 2014 von Russland annektierten Halbinsel Krim abgeschossen. Am selben Tag meldeten die südlichen russischen Regionen Krasnodar und Rostow, beide in der Nähe der Ukraine, Drohnenangriffe, die Brände verursachten. Am Freitag brach in derselben Ölraffinerie in Krasnodar ein weiteres Feuer aus. In der vergangenen Woche fingen auch zwei Treibstoffdepots auf und um die Krim Feuer, während am vergangenen Wochenende ein nächtlicher ukrainischer Angriff im russischen Grenzdorf Suzemka vier Tote forderte.
Ebenfalls in der russischen Region Brjansk, die an die Ukraine grenzt, entgleisten Anfang dieser Woche zwei Güterzüge, nachdem Sprengkörper auf den Gleisen explodiert waren. Wer hinter den Aktionen steckt, ist unklar. Internationale Beobachter vermuten aber, dass es sich um Vorbereitungen für die erwartete ukrainische Gegenoffensive handeln könnte.
Die russische Besatzungsmacht will im Zuge dessen frontnahe Gebiete im südukrainischen Saporischschja evakuieren. "Die Obrigkeit des Gebiets Saporischschja hat entschieden, die Bewohner von 18 frontnahen Ortschaften wegen des zunehmenden ukrainischen Beschusses zeitweise tiefer in die Region zu verlegen", schrieb der Vertreter der moskautreuen Verwaltung, Wladimir Rogow, am Freitag in seinem Telegram-Kanal. Unter anderem soll auch die Stadt Enerhodar, in der das Atomkraftwerk Saporischschja liegt, geräumt werden.
Daneben sollen auch die Bewohner der Städte Tokmak und Polohy sowie der Großsiedlungen Kamjanka und Rosiwka ihre Koffer packen. Die Ortschaften liegen teilweise bis zu 40 Kilometer hinter der aktuellen Frontlinie. Allerdings wird in der näheren Zukunft mit einer ukrainischen Gegenoffensive gerechnet. Als eine Möglichkeit gilt dabei ein militärischer Vorstoß im Gebiet Saporischschja in Richtung der Küste des Asowschen Meeres. Die Anschläge auf strategisch wichtige Objekte im von Russland kontrollierten Hinterland der Front haben zuletzt stark zugenommen.
Chersons Wochenend-Ausgangssperre ist die neueste Unannehmlichkeit für die Bewohner, die nach monatelanger russischer Besatzung im vergangenen Jahr täglichen Bombardierungen durch russische Truppen ausgesetzt waren, die in der Nähe auf der anderen Seite des Flusses Dnipro lagerten. Trotz ihres Rückzugs aus der Stadt Cherson im vergangenen November halten die russischen Streitkräfte immer noch große Landstriche in der weiteren Region Cherson, die die Ukraine zurückerobern will. Der russische Beschuss am Mittwoch tötete 23 Menschen in der Stadt Cherson, und die Angriffe auf von der Ukraine kontrollierte Teile der Region Cherson wurden am Freitag fortgesetzt, teilten die regionalen Behörden mit.
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