Söldnerchef Prigoschin hatte zuvor seine Vorwürfe gegenüber dem Militär wegen angeblich fehlender Unterstützung in Bachmut erneuert. So wies der 61-Jährige auch die Äußerung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zurück, dass Kiew noch Zeit für den Beginn seiner Offensive brauche. Diese Offensive sei in Bachmut bereits voll im Gange. "Die ukrainischen Einheiten gehen bei Bachmut an den Flanken vor - und haben leider teilweise Erfolg damit", sagte er auf dem Telegram-Kanal seines Pressedienstes und widersprach den Angaben aus Moskau. Zugleich halte der Munitionsmangel seiner Einheiten an, "weil die Versprechungen des Verteidigungsministeriums nicht erfüllt wurden".
Prigoschin sagte, eine Einheit der russischen Armee habe ihre Position aufgegeben und die ukrainischen Streitkräfte hätten im Rahmen einer lang erwarteten Gegenoffensive Kiews Fortschritte in Richtung der Stadt gemacht. "Die ausgebildeten ukrainischen Einheiten haben die notwendigen Waffen, Ausrüstung, Panzer und alles andere erhalten und sind bereits voll im Einsatz", sagte er und wiederholte seine Beschwerden gegen das russische Verteidigungsministerium wegen mangelnder Munitionsversorgung. "Wagner führt weiterhin Kampfeinsätze bei schrecklichem Munitionsmangel und Granatenmangel durch, weil die Versprechen des Verteidigungsministeriums nicht eingehalten werden."
Kremlsprecher Dmitri Peskow kommentierte die Ausfälle Prigoschins gegenüber der Militärführung erneut nicht. Derweil berichtete das unabhängige Internetmedium Medusa unter Berufung auf eigene Quellen, dass die ständigen Angriffe Prigoschins gegen Moskau begonnen hätten, "die oberste Führung des Landes ernsthaft zu beunruhigen". Prigoschin hatte vor einigen Tagen etwa auch gesagt: "Ein glücklicher Opa denkt, dass alles gut ist. Aber was soll das Land tun, wenn sich herausstellt, dass dieser Opa ein völliger Idiot ist?" Anschließend gab es in sozialen Netzwerken eine Diskussion darüber, wen Prigoschin damit meinte. Kremlchef Wladimir Putin wird in der Bevölkerung teilweise despektierlich als "Opa" oder "Bunker-Opa" bezeichnet.
Bei den in Bachmut kämpfenden russischen Truppen schrillen nach Darstellung des Kriegskorrespondenten des russischen Staatsfernsehens die Alarmglocken. Angesichts der ukrainischen Angriffserfolge an den Flanken der in der Stadt kämpfenden Söldnertruppe Wagner drohe eine umfassende Einkesselung, schrieb Jewgeni Poddubny am Donnerstag auf Telegram. Wagner-Chef Jewgeni Prigoschin hatte zuvor mehrfach vor einem drohenden Kessel aufgrund ungesicherter Flanken gewarnt. Poddubny berichtete auch von ukrainischen Durchbrüchen bei Kämpfen in der Umgebung von Soledar, das nur wenige Kilometer nordöstlich von Bachmut liegt. Dort sei es ukrainischen Kampfgruppen gelungen, die russischen Linien zu durchbrechen. "Die Lage ist schwierig", schrieb Poddubny. Die russischen Streitkräfte hatten Soledar erst Ende Januar nach wochenlangen schweren Kämpfen eingenommen.
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